Pflege zuhause verändert nicht nur einzelne Aufgaben, sondern häufig das gesamte Leben. Shay erzählt, warum ihre berufliche Erfahrung sie nicht auf alles vorbereiten konnte, wie sie Grenzen setzt und weshalb feste Rituale, kleine Auszeiten und der Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen so wichtig sind.
Pflege zuhause beginnt nicht immer mit einem Plan. Manchmal verändert sich innerhalb kurzer Zeit das ganze Leben: Arbeit, Wohnung, Tagesablauf und die Frage, wer Verantwortung übernimmt. Genau so war es bei Shay. Als die bisherige Pflegeperson ihrer Urgroßeltern ausfiel, übernahm sie. Sie kündigte gemeinsam mit ihrer Partnerin Jobs und Wohnung in Baden-Württemberg und zog nach Bayern um.
Im Gespräch mit Stefan, CMO von libify erzählt Shay offen von einer ersten Zeit, in der es kaum Alltag gab, sondern vor allem Aufgaben. Sie spricht über die ständige Bereitschaft, über Grenzen, die nicht immer sofort verstanden werden, und über Rituale, die allen im Haus Orientierung geben. Dabei zeigt sie keine perfekte Version von Angehörigenpflege. Sie erzählt auch von vergessenen Aufgaben, fehlenden Informationen und der Sorge, wie es weitergeht.
Shay ist Pflegefachfrau und pflegt ihre Urgroßeltern zu Hause. Kurz nach Beginn der Angehörigenpflege fing sie an, ihren Alltag auf TikTok und später auf Instagram sichtbar zu machen. Unter @shayy.cares teilt sie persönliche Erfahrungen und tauscht sich mit anderen pflegenden Angehörigen aus.
Shay: Ursprünglich dachte ich, dass ich durch meinen pflegerischen Hintergrund gut zurechtkommen würde. Aber dann hatte ich selbst sehr viele Fragen. Die Pflege am Menschen kannte ich aus meinem Beruf. Angehörigenpflege hat trotzdem noch einmal eine ganz andere Seite.
Als die bisherige Pflegeperson ausfiel, lag es für Shay nahe, zu übernehmen. Dazu gehörte auch ein Umzug. In Baden-Württemberg mussten Jobs und Wohnung gekündigt werden. Gleichzeitig begann die Pflege. „Das war über Wochen gar kein richtiger Alltag“, erinnert sie sich. Es fühlte sich eher an wie das Abarbeiten einer langen Liste, ohne wirklich am neuen Ort anzukommen.
Shay: Ein normaler Arbeitstag ist irgendwann vorbei. In der Angehörigenpflege steht man dagegen ständig bereit. Egal, wie es einem selbst geht oder wie die Situation gerade ist: Wenn ein Grundbedürfnis da ist, muss man handeln. Gerade am Anfang war das sehr belastend.
Erst nach etwa zwei Monaten entstand für Shay und ihre Partnerin wieder das Gefühl eines Alltags. Die Verantwortung blieb. Vor allem in den Zeiten, in denen ihre Partnerin arbeitet, ist Shay mit ihren Urgroßeltern allein.
SHAY
„Egal wie es dir geht, egal wie die Situation ist: Du musst einfach.“
Shay: Das war und ist eine Herausforderung. Grundbedürfnisse stehen natürlich an erster Stelle. Bei anderen Wünschen versuchen wir inzwischen zu fragen: Muss das genau jetzt sein, oder kann es etwas später passieren?
Eine konkrete Regel hat sich bewährt: Wenn Shay und ihre Partnerin frühstücken, zu Mittag oder zu Abend essen, möchten sie diese Zeit in Ruhe verbringen. Das gemeinsame Essen ist eine kleine geschützte Pause. Es geht nicht um eine große Auszeit, sondern darum, nicht auch die eigenen Mahlzeiten hastig zwischendurch erledigen zu müssen.
Shay: Grenzen sind schwierig. Bei manchen Veränderungen konnten wir uns langsam annähern. Früher standen Oma und Opa jeden Morgen um fünf Uhr auf. Das war für mich nicht machbar. Schritt für Schritt wurde daraus sechs oder halb sieben.
Bei anderen Dingen fällt das Warten schwerer. Wenn die Urgroßmutter ein Bedürfnis hat, braucht sie in diesem Moment jemanden bei sich. Der Urgroßvater wiederum hat oft schon die nächste Aufgabe für Shay, sobald er sie sieht. Als Handwerker war er es gewohnt, selbst anzupacken. Heute übergibt er Aufgaben, die sich aber nicht immer sofort erledigen lassen.
Für Shay ist das Festhalten an einer Grenze nicht leicht, denn sie möchte beiden etwas Gutes tun. Trotzdem hat sie gelernt: Struktur kann auch dann hilfreich sein, wenn sie im ersten Moment nicht gut ankommt.
Shay: Wir haben den Tag in einzelne, wiederkehrende Abläufe gegliedert. Das Mittagessen ist zum Beispiel ein festes Ritual. Oma oder Opa äußern einen Wunsch. Wenn die Zutaten da sind und es passt, koche ich das Gericht. Ich sage vorher Bescheid, richte die Teller an, schneide das Essen klein und bringe anschließend die Tasse Milch, die für beide seit jeher dazugehört.
Für alle im Haus ist dadurch klar, wann dieser Teil des Tages beginnt und wann er endet. Auch wenn Shay sich nach dem Essen eine Stunde hinlegen möchte, kündigt sie das an. Es klappt nicht immer, weil ihre Urgroßeltern häufig noch etwas brauchen. Doch der Plan gibt zumindest Orientierung.
Shay: Manche Routinen bestehen seit Jahrzehnten. Mein Opa steht zum Beispiel nachts um drei Uhr auf und rasiert sich. Beim ersten Mal wollte ich ihn direkt zurück ins Bett schicken. Dann habe ich verstanden, dass er seine Gründe hat: Er rasiert sich einmal trocken und einmal nass und erledigt nachts schon einen Teil davon. Danach legt er sich wieder hin.
Shay versucht heute genauer zu unterscheiden: Wo entsteht eine Gefahr, bei der sie eingreifen muss? Und wo ist etwas einfach eine persönliche Gewohnheit, die bleiben darf? Gerade diese kleinen Eigenheiten gehören für sie zum Alltag ihrer Urgroßeltern.
Shay: Opa sucht sich selbst viele Aufgaben. Manche davon kann er heute nicht mehr sicher ausführen, etwa mit Werkzeug arbeiten oder irgendwo hinaufsteigen. Dann versuche ich, ihm nicht einfach alles wegzunehmen. Wenn ein Bild aufgehängt werden soll, kann ich auf den Stuhl steigen und er sagt mir, wo es am besten passt. So machen wir es gemeinsam.
Nicht jede angebotene Beschäftigung kommt gut an. Als Shay ihn einmal bat, Erdnüsse für ein Rezept zu knacken, war er wenig begeistert. Er machte trotzdem mit, seine Frau motivierte ihn, und am Ende konnten alle darüber lachen. Shay hat daraus auch gelernt, Wünsche ernst zu nehmen: Wenn ihre Urgroßeltern lieber ihre vertraute Serie sehen möchten, muss nicht um jeden Preis eine neue Aktivität stattfinden.
Shay: Am Anfang wusste ich selbst wenig darüber, welche Hilfen es gibt. Familienmitglieder haben mich auf die Verhinderungspflege hingewiesen. Ich hatte zunächst kaum Kapazität, mich damit zu beschäftigen. Immer wieder habe ich mich für ein paar Minuten informiert, bis sich die einzelnen Informationen zu einem Bild zusammengesetzt haben.
Weitere Orientierung bietet dieser libify-Beitrag zur Verhinderungspflege. Eine kompakte Übersicht für den Einstieg findest du außerdem unter Alles, was pflegende Angehörige wissen müssen.
Shay beantragte später auch eine Pflegebox. Sie beschreibt, wie hilfreich es ist, Verbrauchsmittel zur Verfügung zu haben, ohne jeden Bedarf einzeln im ohnehin vollen Alltag organisieren zu müssen.
Shay: Besonders viel Freiheit hat uns ein ganz normales Babyphone ohne Kamera zurückgegeben. Das eine Gerät steht bei Oma am Bett, das andere nehmen wir mit. So konnten wir länger im Garten bleiben oder sogar einmal bei den Nachbarn zu Abend essen und trotzdem hören, wenn Oma etwas brauchte.
Shay: Ehrlich gesagt habe ich dafür noch nicht den richtigen Weg gefunden. Einmal im Monat erinnere ich mich an alles, was noch zu erledigen ist. Dann vergesse ich es wieder und kümmere mich später darum.
Auch die Medikamentengabe ihrer Angehörigen hat Shay nicht immer rechtzeitig auf dem Schirm. Ihr Urgroßvater erinnert sie, wenn nur noch wenige da sind. Genau solche Momente teilt sie bewusst in den sozialen Medien. Ihr ist wichtig zu zeigen, dass im Pflegealltag nicht alles perfekt läuft und dass es keine Schande ist, etwas zu vergessen.
Shay: Ich habe großen Respekt davor, wie es wird, wenn Oma und Opa weiter abbauen. Jeder Funktionsverlust bedeutet für mich, dass ich ihn auffangen muss. Ich versuche, von Tag zu Tag zu gehen und die Herausforderungen in kleinen Schritten zu nehmen.
Ein Krankenhausaufenthalt hat erst vor kurzer Zeit gezeigt, wie schnell ein eingespielter Ablauf ins Wanken geraten kann. Die Situation war für alle mit Sorgen verbunden. Zugleich fand die Familie einen kleinen Lichtblick: Die Urgroßmutter durfte ihren Lieblings-Cowboy-Film sehen und so lange wach bleiben, wie sie wollte. Für sie wurde das zu einem besonderen Moment.
Shay: Besonders schön ist es, wenn Oma riecht, dass gekocht wird. Sie hat ihr Leben lang gern gekocht und liebt Essen. Wenn sie merkt, dass es gleich etwas gibt, freut sie sich sehr. Das sind kleine Freuden, die den Tag schöner machen.
Trotz aller Anstrengung ist Shay dankbar, ihren Urgroßeltern etwas von der früheren Fürsorge zurückgeben zu können. Sie erinnert sich daran, wie ihr Urgroßvater sie in den Kindergarten brachte und an der Schnellstraße ihre Hand hielt. Heute ist sie diejenige, die ihn stützt, wenn er eine Treppe hinuntergeht.
Shay: Schon nach zwei oder drei Wochen Pflege habe ich auf TikTok begonnen. Ich hatte vorher selbst nach anderen pflegenden Angehörigen gesucht, die ihren Alltag zeigen. Davon fand ich nur wenige. Also habe ich die Einblicke geteilt, die ich mir zu Beginn selbst gewünscht hätte.
Später kam Instagram dazu. Die schnelle Resonanz überraschte Shay. Menschen erzählten ihr von eigenen Erfahrungen, gaben Hinweise und erkannten sich in kleinen Alltagssituationen wieder. Für Shay ist dieser Austausch keine zusätzliche Fassade, in der alles funktionieren muss. Gerade die unfertigen und chaotischen Momente schaffen Verbindung.
Shay: Wenn es einem selbst nicht gut geht, kann man auch nicht für andere sorgen. Deshalb sind Pausen wichtig, selbst wenn es nur fünf Minuten an der frischen Luft sind oder ein Kaffee oder Tee, bei dem man kurz durchatmet und die Gedanken sortiert.
Es müssen nicht immer große Unternehmungen oder lange Auszeiten sein. Für Shay sind es oft die kleinen Dinge, die neue Kraft geben. Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, mit der Angehörigenpflege nicht allein zu sein. Auch wenn sie ihre Urgroßeltern weitgehend selbst versorgt, gibt es viele andere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen. Sich zu vernetzen und miteinander zu sprechen, tut ihr gut.
SHAY
„Man ist nicht alleine. Man kann sich vernetzen und man kann sprechen. Das tut wirklich wahnsinnig gut.“
Shays Erfahrungen zeigen einen Alltag, in dem Verantwortung und Zuneigung eng nebeneinanderliegen. Es gibt feste Abläufe und vergessene Aufgaben, klare Grenzen und Situationen, in denen sie schwer einzuhalten sind. Es gibt Sorgen vor der Zukunft und zugleich Mittagessen, Lieblingsfilme oder eine nächtliche Rasur, über die später gelacht werden kann.
Ihre wichtigste Botschaft richtet sich an alle, die sich in einer ähnlichen Situation wiederfinden: Kleine Pausen zählen. Hilfe und Hinweise dürfen angenommen werden. Und der Austausch mit anderen kann daran erinnern, dass Angehörigenpflege zwar oft einsam wirkt, aber nicht allein getragen werden muss.